Namibia - Drachenflieger auf Rekordjagd

2015 / 2016 Ein bericht von  

Roland Wöhrle 

BURGSDORF, NAMIBIA

Ein Container, gefüllt mit 21 Drachen und drei Trikes schippert auf dem Atlantik Richtung Walvis Bay, Namibia.
Ausrüstung für 21 streckendurstige Piloten, die nur Eines im Sinn haben: Rekorde knacken!

Namibia bietet dem Besucher viel. Tiere, Landschaft, Gastfreundschaft und ein enormes Potenzial an Thermik. Seit nunmehr über zehn Jahren pilgert eine überschaubare Drachenfliegergemeinde in dieses Land, um möglichst weite Flüge zu machen. Der ausgetrocknete Untergrund produziert starke Thermik bis zeitweise an die sechstausend Meter Basishöhe, ideal für schnelles Vorankommen.
Viele Weltrekorde wurden hier in den vergangenen Jahren verbessert.
Das war unter anderem auch das Ziel des diesjährigen Camps. Eines vorweg: Es hat wieder geklappt!

Logischerweise ist ein solches Unternehmen mit viel Aufwand verbunden. Das Flugzeug scheidet für den Materialtransport aus. Zu umfangreich ist die Ausrüstung. Drei Schlepptrikes, von denen eines einem Dustdevil zum Opfer fiel und nicht mehr einsatzbereit war, 16 Starrflügel und fünf Flexible mussten auf die Reise, dazu Startwagen, Gurtzeuge, Ersatzteile, Werkzeug und vieles mehr. Thomas Sterzing als vielmaliger Teilnehmer übernahm die Organisation, nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Monate vor dem eigentlichen Beladen des Containers begann die Planung. Wer geht mit, von wann bis wann, reicht die Kapazität der Unterkunft? Sind die gemieteten Autos mit Dachträgern ausgerüstet und ist der Sauerstoff rechtzeitig vor Ort? Von den Bitterwasser Segelflieger wurde der Container gemietet und schlussendlich am 3. Oktober beladen. Tags darauf, nach intensiver Begutachtung des Inhaltes durch den Zoll wurden die Türen verschlossen, mit Siegel versehen und ab ging die sechswöchige Reise. Pünktlich vor Eintreffen der ersten Piloten stand der Container in der Halbwüste auf unserem Flugplatz, der Pad Burgsdorf.

Die ersten Piloten trudelten Ende November ein, unsere Gruppe kam an Weihnachten mit etwas Verspätung in Windhuk an. Unser Airbus wurde in Frankfurt beim Betanken derart gewässert, dass die Maschine erst einmal in die Werft und wir auf die am darauffolgenden Tag eintreffende Maschine warten mussten. Dafür gab es allerdings als Entschädigung herrlichste Sicht von Schwarzwald bis zur Sahara. Die Autofahrt von Windhuk nach Maltahöhe in unsere Lodge Burgsdorf zeigte eindrucksvoll, was uns erwartet. Ewige Weite, völlig ausgetrockneter Bewuchs, Hitze und so gut wie keine Bevölkerung. Das Land zwischen den Wüsten Namib und Kalahari ist wenig fruchtbar, wegen der seit drei Jahren ausgebliebenen Niederschläge haben Farmer erhebliche Probleme ihren Tierbestand am Leben zu halten. Da wirkte die Ankunft auf unserer Lodge wie eine Fata Morgana: grün und einfach vollkommen. Haustiere: vier Geparden!

Gina und Dilene, die Besitzer der Lodge, hatten eine Überraschung parat. Einen neugebauten Hangar auf der Pad Burgsdorf, unserem Schleppgelände mit äußerst komfortablen Ausmaßen. Schatten für die Piloten während der Flugvorbereitung und Unterstellplatz für die aufgebauten Drachen über Nacht – da lohnt sich das Heimkommen ganz besonders. Sechs Schleppstrecken decken jede Windrichtung ab. Mit dem morgendlichen Briefing von Thomas mit Einschätzung der Wetterlage von Jochen wurde eine passende Tagesaufgabe besprochen. Top Meteo diente als Grundlage und lag meisst nur in der Einschätzung der Windsituation mal daneben. Gestartet wurde ab 10.30 Uhr, wobei sich zeitige Schlepps insbesondere für Flexi Piloten von Vorteil erwiesen. War der thermische Ofen schon richtig im Gange, ging die Post ab – für die Trikepiloten genauso wie für deren Anhängsel.

Fliegbar ist in Namibia fast jeder Tag. Selbst bedeckte Tage produzieren aufgrund des aufgeheizten Untergrundes Thermik. Blauthermik überwiegt, Wolkenthermik neigt leider zu gelegentlichen Schauern, die ein imposantes Bild abgeben, aus der Ferne betrachtet. Gewitterneigung kann man früh erkennen und sollte unbedingt respektiert werden. Ein 30 km entferntes Gewitter kann schon mal einen 60 er Wind am Boden entfachen. Ein Übel, “nur” seinen Drachen abbauen zu müssen, geschweige darin zu landen! Gigantisch sind die Basishöhen! In Namibia zu fliegen heißt Sauerstoff Pflicht! Nicht selten wurden 5500 m NN erreicht, gelegentlich auch 6000. Unsere verwendeten Systeme schalteten sich automatisch bei Höhen ab 3000m N/N ein.

Tage, die einen Weltrekordflug ermöglichen, gibt es in Namibia leider auch nur selten. Starts einhundert Kilometer weiter östlich bei Mariental hätten dieses Jahr vermutlich Vorteile gebracht. Der Vorteil in Burgsdorf ist allerdings die Rennstrecke über dem Schwarzrandgebirge entlang der legendären C 14. Steht der Südwest- bis Westwind an, bildet sich besonders ab Spätnachmittag nicht selten eine Konvergenz, die durchaus 60 bis 70 Kilometer Strecke ohne auch nur einen Kreis zulässt. Und ist die Thermik zu Ende, gelingt auch schon mal ein Sailing Home an dieser 150 Meter hohen Kante im dynamischen Aufwind.

Was diese Gegend jedoch einzigartig macht, sind die gigantischen Farbenspiele der Natur. Ein Riesenspektrum zwischen weißgelbem Wüstensand und dunklem Fels. Der karge Bewuchs schmückt den Untergrund in allerschönste Erdtöne. Ein Traum, dieses Schauspiel nicht nur im Abendlicht aus viertausend Metern Höhe zu genießen. Völlig ebenes Gelände wirkt wie Hügelland aufgrund der abwechlungsreichen  Farbtöne. Gerät man allerdings tiefer und muss man sich gar Gedanken um einen Außenlandeplatz machen, sind die Gravelroads, die wenig befahrenen Schotterstraßen, entlang denen wir unsere Flugvorhaben täglich legen, eine gute Alternative. Rad- oder Kufenlandungen haben sich bei einigen Piloten bewährt, weil es sich an schwachwindigen Tagen oft als schwierig erweist, die exakte Windrichtung auszumachen. Der völlig ausgetrocknete Bewuchs neigt zu keinerlei Anzeichen sich im Wind zu bewegen, überzeugt allerdings in jedem Fall mit mindestens vier Zentimeter langen Stacheln.

Selbstredend ist auch hier nicht jeder Tag ein potenziell tauglicher Streckenflugtag. Einmal, weil man vielleicht noch den anstrengenden Vortag in den Gliedern spürt, zum andern, weil der nächste Tag größeres verspricht und die Kräfte eingeteilt sein wollen. Oder, weil der nichtfliegende Anhang auch so seine Ansprüche geltend macht. Absolute Pflicht ist Sossusvlei im Namib Naukluft Park. Schon die Anfahrt durch die Tsarisberge beeindruckt. Die welthöchsten Sanddünen mit ihrem messerscharf wirkenden Grat sind jedoch einzigartig. Licht und Schatten machen die Kulisse atemberaubend.
Swakopmund mit viel Deutscher Geschichte an der Atlantikküste lädt zwar nicht zum Baden, aber neben Windhuk zum Shoppen ein. Krasse Temperaturgegensätze sind hier gegeben: der Benguelastrom aus der Antarktis lässt die Meereswassertemperatur selten über 17° steigen, hingegen nicht weit in der Namib Wüste steigt das Thermometer schon mal deutlich über 50° an. Wer auf Geisterstädte steht, sollte sich Kolmanskop bei Lüderitz als angeblich ehemalig reichste Stadt Afrikas aufgrund der Diamantenfunde nicht entgehen lassen. Gibt man sich mit einem guten Stück Apfelkuchen zufrieden, ist man auf der Hälfte der Strecke in Helmeringshausen bestens aufgehoben. Und wer sich zum Sonnenaufgang etwas ganz besonderes wünscht, macht einen Tiefflug über Namibias Tierwelt mit Gina im Gyrokopter!

Auch eine Tiersafari kann durchaus zum Abenteuer werden. Leicht bekleidet in Shorts und Flip Flops, dagegen gut ausgerüstet mit Fotoapparat und Videocamera macht sich eine Gruppe um unseren Chefkoch und Reiseleiter Johann im offenen Mobil auf die Jagd nach Tiermotiven. Alles läuft prächtig, die Speicherkarten sind prall gefüllt, die Stimmung auf dem Höhepunkt. Jetzt nach Hause, Video schneiden und Bilder sortieren. Nur – der Heimweg ist abgeschnitten! Kleine Canyons, verursacht durch die nächtlichen Gewitterschauer, bringen unser Safarimobil in ernsthafte Manövrierunfähigkeit. Gewitterzellen schießen ins Orbit, die Nacht naht, Hilfe weit und breit nicht in Sicht. Beklemmende Unsicherheit unter den Teilnehmern: was wäre wenn, oder, was ist wenn vermutlich gleich?? Zum Glück findet Johann einen Weg – den Richtigen!

Sportlich gesehen war diese Expedition eine Superlative. Die 21 Drachenpiloten aus Frankreich, Spanien, Österreich, der Schweiz und Deutschland, die sich über einen Zeitraum von sieben Wochen unterschiedlich lange in Burgsdorf aufhielten, machten insgesamt 47 Flüge über 200 km. Davon waren dreizehn über 300 km und mit dem Weltrekord Ziel- Rück von Ralf Miederhoff und Carlos Punet wurden sogar zweimal über 400 Kilometer zugemacht. Wohlbemerkt, es handelt sich bei den allermeisten Flügen um geschlossene Aufgaben! Damit hat sich vielleicht nicht jeder Pilot seinen insgeheimen Wunsch auf einen Rekord erfüllen können, persönliche Bestleistungen gab es aber in Hülle und Fülle. Und mit über vier Kilometern Luft unter dem Bauch über Afrika zu segeln ist auch nicht gerade ohne...

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die drei Trike Piloten Eduard, Tom und Jean Marie, die uns unermüdlich, aber sicher in die Thermik geschleppt haben. Vielen Dank an die Begleitpersonen, durch deren Hilfe Schlepp- und Rückholbetrieb zeitweise erst möglich wurde, an das freundliche und hilfsbereite Personal von Burgsdorf, aber vor allem an Gina und Dilene, ohne die diese perfekte Infrastruktur nicht gegeben wäre. Einen besonderen Dank an den DHV und insbesondere Regina sowie unsere tierischen Freunde Tula und Savanna, Naka und Garfield.

Well, we will come back!


Roland Wöhrle